allerleidabei

Notizen, Fundstücke und Gedanken.

DHL Paketzustellung per Briefbote ist Dauer-Murks

Ungern reihe ich mich in die Vielzahl der Menschen ein, die sich ständig über Zustelldienste beschweren. Besonders bei DHL ist die Paketzustellung durch die Paketboten bei uns außerordentlich gut. Es klemmt bei den Briefboten!

Paketzustellung bei DHL super!

Bei Paketen ist DHL und besonders unser langjähriger DHL Paketbote eine positive Ausnahme unter den Lieferdiensten. An den 5 Wochentagen mit dem Stamm-DHL-Boten klappt die Zustellung immer perfekt, ist er in Urlaub oder hat seinen freien Tag, rumpelt es sehr selten.

DHL Paket per Briefbote ist Murks!

ABER: Leider ist die DHL Zustellung per Briefboten unterirdisch schlecht. Obwohl während des Zustellzeitpunkts zu Hause wird nicht geklingelt. Oft erreicht mich die E-Mail mit der Umleitungsnachricht schon so früh, dass ich vermuten muss, dass am Beginn der Zustellrunde bereits mein Päckchen als “Nicht zustellbar” markiert wird.

Klar ist es einfacher Briefkästen nur durch Einwurf zu befüllen, als mühsam zu klingeln und evtl. auch einen kurzen Moment warten zu müssen. Scheint Faulheit eine Protestform ein Schutzmechanismus der Briefboten gegen zu viel oder nicht gewollte Arbeit zu sein.

Zwangsalternative: Ablage im DHL Standort

In meinem direkten Umfeld gibt es jede Menge DHL Paketshops. Diese nahegelegen Shops werden aber nicht für die Ablage von den DHL Briefboten Paketen genutzt. Vielmehr wird an eine DHL Filiale weitergeleitet, die mich meist zu einer Reise quer durch die halbe Stadt zwingt. Diese DHL-Filialen (Dies sind auch nur Kioske oder Schreibwarenläden, die aber einen DHL Tresen haben!) haben immer scheiss sehr eingeschränkte Öffnungszeiten (typisch 9-18 Uhr), sind verkehrlich schlecht zu erreichen und meistens vollkommen überlaufen. Die Logik, das (Klein-) Pakete, die von DHL per Briefboten zugestellt werden sollten, ab dem Zeitpunkt der Zustellungentscheidung als Briefsendung klassifiziert sind und damit dann der Logik folgen, dass sie nur an DHL Filialen weitergeleitet werden können erschließt sich mir nicht. Für mich bleibt es ein Paket, auch wenn es vergleichsweise klein ist.

Paketshops haben nicht die Möglichkeit der Ausgabe von Briefsendungen. Aus diesem Grund erfolgt die Umleitung von hausadressierten Briefsendungen nur an Filialen.

— DHL Rückmeldung

Die Zuordnung, zu welcher DHL Filiale mein Päckchen weitergeleitet unterliegt einem Geheim-Algorithmus: Entfernung soll eine Rolle spielen, aber Kundenzufriedenheit ist definitiv kein Kriterium.

Die Filialauswahl richtet sich nicht allein nach der Entfernung zum Zustellort. Berücksichtigt werden unter anderem die verfügbaren Kapazitäten der Filialen, die Anbindung an die zuständigen Zustellbezirke, Lagerkapazitäten, Öffnungszeiten sowie logistische Abläufe vor Ort.

— DHL Rückmeldung

Alternative #2: DHL Packstation als Lieferadresse nicht möglich

Gerne würde ich mein DHL-Paket, das per Briefbote zugestellt werden soll, an eine Packstation liefern lassen. Allerdings ist es nicht möglich, ein Paket, das mit dem Briefzusteller zugestellt werden soll, an eine Packstation umzuleiten.

Liebe DHL, ich möchte nicht der Leidtragende Eures internen Murks-Systems sein. Please fix it!

Im Moment bleibt mir immer nur die Beschwerde bei der Bundesnetzagentur und die Hoffnung, dass DHL diese Murks-Prozesse repariert.

Offener Brief an die KI: Wieviel plappern wir Menschen nach?

Dirk von Gehlen schreibt in seinen “Digitalen Notizen” einen schönen offenen Brief an KI. Erinnerte mich an meinen fortlaufenden, inneren Monolog zu “Wieviel plappern wir Menschen nach?”

Du bist ein Spiegel, in dem wir uns häufig nicht genau erkennen, wenn wir in ihn blicken. Wie bei einem Spiegel gilt jedoch auch bei dir: Damit sich was spiegeln kann, braucht es etwas oder jemanden, was vor den Spiegel tritt. Du spiegelst auf neue Art und Weise – auch Inhalte von mir.
Dirk von Gehlen - Digiale Notizen

Ich habe vor einigen Jahren, noch bevor der große KI-Hype richtig losging, bei einem Führungskräftemeeting eines Unternehmens meinen Ausblick auf KI vorgestellt. Dabei habe ich auch den Nachplapper-Effekt gestreift, um eine Abgrenzung zur vermeintlich richtigen, menschlichen Intelligenz zu beschreiben. Seit der Vorbereitung auf diesen Vortrag geht mir aber immer wieder die Frage durch den Kopf, wie viel unserer menschlichen Intelligenz kein Nachplappern ist.

Lernen und Ausbildung sind oft vom Auswendiglernen bekannten Wissens geprägt. Wir erlernen Dinge, die anschließend in gleicher Abfolge angewandt werden. Auch die akademische Ausbildung fokussiert sehr oft auf das (manchmal sinnlose) Auswendiglernen von Inhalten, die sich anschließend leicht überprüfen lassen. Oft habe ich mich selbst dabei ertappt, dass ich ein neues Wort oder eine Formulierung aufgeschnappt habe, es oder sie mir gefallen hat und ich es oder sie daraufhin (manchmal zu oft) in meinen aktiven Wortschatz aufgenommen habe. An vielen Stellen würde ich uns Menschen ebenfalls viel Nachplappern unterstellen.

Wie groß ist bei uns Menschen der Anteil der Neuschöpfung von Wissen, des neuen Kombinierens von (ursprünglich nicht zusammenhängenden) Dingen zu etwas Neuem? Wie oft handelt es sich dabei um zufällige Kreationen, die eine Maschine auch mithilfe eines Zufallsmechanismus nachstellen könnte? Wie oft ist es ein Transfer zwischen unterschiedlichen Disziplinen oder Kategorien, den eine (unbegrenzte) KI nicht leisten kann?

Für mich habe ich noch keine abschließende, einfache Antwort auf diese Frage gefunden. Sie bleibt eventuell länger offen, als es manchem Zeitgenossen, der es gerne einfach mag, lieb ist. Von daher gefällt mir der Text von Dirk von Gehlen sehr, der zumindest die Türe gut differenziert ein Stück weit aufstößt.

Meine Lebensmittelentdeckung des Jahres: Eine Salzbuttersorte

Vor einigen Monaten entdeckte ich bei Mare Atlantico, ein Gastro-Lieferant am Rande des ehemaligen Kölner Großmarkts mit Verkauf an Nicht-Gastronomen, im Kühlregal an der Kasse eine Butter in Rollenform. Den Brie aus der Molkerei hatte ich bereits einige Male gekauft und er schmeckte mir sehr gut. Ich habe den Verkäufer gefragt, was so besondes an der Butter sei, die mit einem Preis von knapp 6 Euro für 250g herausstach. Er meinte nur: “Müssen Sie ausprobieren! Vergleichen Sie einmal mit der Butter, die sie sonst essen”. Hat nicht sofort überzeugt, ich habe nicht direkt gekauft. Ab dann kreiste aber der Gedanke in meinem Kopf: Ich muss einmal dem Geschmack der Butter nachgehen.

Aufgewachsen bin ich in einem Magarine-Haushalt. Keine feste Markenzuordnung, es wurde die gerade günstigste Packung gekauft. Bei einer Oma und bei einer Freundin der anderen Oma gab es regelmäßig Butter, bzw. “gute Butter”. Die Freundin der Oma hatte immer irische Butter der Marke Kerrygold, da diese besonders gut zu verstreichen sei.

Mir schmeckt Margarine nicht so gut, hat imnmer etwas öliges. Daher war Butter für mich eigentlich die bessere Alternative. Sobald ich selbst für das Befüllen meines Kühlschranks zuständig war, kaufte ich nur Butter, keine Margarine. Geschmacklich dabei aber ohne besondere Vorliebe. Bei einer Blindverkostung würde ich vermutlich Sauerrahm- und Süßrahmbutter nicht unterscheiden können, geschweige denn Marken voneinander unterscheiden können.

Irgendwann in den Neunzigern habe ich einmal ein Rezept nachkochen wollen, in dem leicht gesalzene Butter (demi-sel) verwendet werden sollte. Meine Suche nach genau dieser Spezifikation blieb leider erfolglos. Im Supermarkt fand sich nur ein Produkt „Butter (gesalzen)“. Das Rezept ist auch mit dieser Butter gelungen. Salzbutter war zu der Zeit in Deutschland ein Exot im Kühlregal. Über die Jahre ändert sich dies und es gab mehr und mehr Butter auch als “Gesalzen”-Variante. In den letzten Jahren habe ich daher fast nur noch “Gesalzen”-Varianten von Butter gekauft, die aber oft mit Rapsöl (und zum Teil auch Wasser) versetzt sind um besser streichfähig zu sein. Aber auch hier wieder ohne Markenvorliebe. Zumeist war irgendeine Marke im Angebot. Mehrfach habe ich die vereinzelt zu findende französische “President” Butter gekauft, die mir aber zu hart und auch zu salzig war. In unserer Potsdamer Zeit haben wir ab und an frisch geschlagene (Salz)-Butter bei Butter Lindner gekauft. Diese hat aber geschmacklich keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen und wurde nicht zum Standardprodukt.

Der Butter-Vergleichstest-Gedanke kreiste weiter in meinem Kopf. Ich habe daheim die angebrochene Butter herausgeholt und ein Stückchen pur probiert. Sie schmeckte irgendwie nach nichts, fast schon künstlich komisch. Damit fasste ich den Entschluss, beim nächsten Einkauf die sauteure Butter einmal zu probieren. Rückblickend sollte ich den Verkäufer bei seinem Chef für den Preis „Verkäufer des Jahres“ vorschlagen. Ohne Druck hatte er in meinem Kopf etwas ausgelöst, dass zu später einem Kauf führte.

Beim nächsten Einkauf landete daher eine Rolle „Beurre d’Isigny – Demi-Sel“ in meinem Korb, um sie zu Hause einem Geschmackstest zu unterziehen.

Paket Butter: Beurre d´ Isigny Demi Sel

Ergebnis: Wow! Superleckerer, angenehmer Geschmack, leicht salzig. Schmeckt auch ohne Brot sehr gut. Auch leckeres, frisches Brot nur mit Butter wird viel besser.

Etwas hart, wenn sie aus dem Kühlschrank kommt, muss ein wenig warm werden um gut und einfach verarbeitet zu werden. Subjektiv habe ich den Eindruck das sie beim Braten temperaturbeständiger ist und damit nicht so schnell und früh braun wird. Auf jeden Fall kein Vergleich mit den Standard-Butter-Angeboten aus dem Supermarkt.

Ich habe noch ein wenig wegen des Preises mit mir gerungen, bin aber zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Paket exorbitant teurer Butter alle 14 Tage machbar ist. Gute und leckere Lebensmittel dürfen auch ihren Preis haben.

Freunden und Familie habe ich begeistert von meiner Entdeckung berichtet. In einigen Fällen wurde ich skeptisch beäugt und meine Begeisterung wurde kritisch hinterfragt. Ich habe mich dann jeweils zurückgezogen auf: “Einfach selbst probieren und vergleichen!”. In den folgendene Wochen habe ich häufiger ein Paket dieser Butter als Mitbringsel überreicht. Erinnerte mich an meine Omas, die sich oft im höheren Alter auch einfach nur ein Lebensmittel, z.B. ein Paket Kaffee, schenkten.

Bisherige Rückmeldung aller Empfänger: “Super lecker!”. Besonders überrascht war ich von genau dieser Rückmeldung von Freunden aus dem “Margarine Superfan Block”. Auch von dort gab es eine super positive Rückmeldung und den Wunsch noch einmal ein Paket mitgebracht zu bekommen.

Seitdem habe ich die Augen offen gehalten, ob nicht doch einer der normalen Supermarkt-Ketten diese Butter auch im Sortiment hat. Bisher habe ich sie nur (zu einem ähnlichen Preis) im nahegelegenen Frischeparadies gefunden.

Kein Einkaufserlebnis - Wie sich der stationäre Einzelhandel selbst weiter abschaft

Lange habe ich die Einkäufe für Bekleidung, die zur kühleren Jahreszeit passt, aufgeschoben. Da es nun aber leider kälter geworden ist war akuter Handlungsbedarf. Meine Frau wurde dankenswerterweise zu Hause von einem freiwilligen Besuchsdienst betreut. Ich hatte zwei Stunden Zeit, um die geplanten Einkäufe und Erkundungen zu erledigen. Online hatte ich mir bereits einen ersten Überblick verschafft.

Shop 1: 2 x Onlinekauf erforderlich - 1 x Direktkauf mit Problemen an der Kasse

In Shop 1 war das Online identifizierte Hemd nicht zu finden, obwohl kein Hinweis auf eine nur Online-Verfügbarkeit vorhanden war. Ein vergleichbares Produkt, allerdings mit einem Kragen, den ich partout nicht haben wollte, war im Überfluss vorhanden, auch wenn sich mir die Sortierung nicht erschloss. Am Regal selbst waren jede Menge Hinweise angebracht, dass einige (Über-) Größen nur Online verfügbar sind. Das Verkaufspersonal war nur zur Auskunft: “Hemden sind dort, müssen sie mal selber schauen” bereit. Ergebnis: Hemd Online bestellen.

Für meine Frau konnte ich mir einen grundsätzlichen Eindruck zur tatsächlichen Länge von zwei unterschiedlichen Winterjackenmodellen verschaffen. Die konkret gewünschte Größe war jeweils nicht vorrätig. Somit eine weitere Online-Bestellung erforderlich.

Erfolgreich konnte ich ein warmes Unterhemd für meine Frau finden und wollte dieses schnell an der Selbstbedienungskasse bezahlen. Ich legte das Produkt in die Wanne. Mehrfach bestätigte ich die unterschiedlich formulierte Frage nach der Menge der zu zahlenden Produkte. Dann erschien der Hinweis, dass eine manuelle Kontrolle erforderlich sei. Leider war kein Verkaufspersonal zu sehen. Ich konnte auch keine Leuchte entdecken, die anzeigt, dass Hilfe benötigt wird, wie bei den Rewe-SB-Kassen, die beim Kauf von Weingummi immer eine Alterskontrolle erfordern. Das Kassendisplay bot aber auch keine Möglichkeit zum Abbrechen oder irgendeine andere Option. Ein nächster Versuch an der Nachbarkasse führte zum gleichen Ergebnis. Ich machte mich dann auf den Weg und suchte den nächstbesten Verkäufer auf. Dieser gab längliche Codes in die Kasse ein (ich hätte das mitfilmen sollen, da die Eingaben auf dem Touchdisplay jeweils kurz angezeigt wurden). Er musste einiges in ein Formular des ERP-Systems eintragen, bevor ich mit Karte bezahlen konnte.

Shop 2: Je Produkt nur eine Größe vorrätig ➡️ Onlinekauf

In Shop 2 fand ich einen Hoodie für meine Frau. Dieser, wie vermutlich alle Produkte dort, war allerdings nur in einer Größe vorrätig. Könne man aber gerne in der gewünschten Größe bestellen und wäre in einer knappen Woche abholbereit. Auch hier wird wieder ein Online-Kauf erfolgen.

Shop 3: Nur in blau vorrätig ➡️ Onlinekauf

Beim Betreten des Shops wurde ich freundlich mit den Worten begrüßt: „Sorry, wir bauen hier gerade etwas um. Melden Sie sich bitte bei Fragen.“ Im Eingangsbereich wurde scheinbar eine neue Diebstahlmeldeanlage installiert. Dauerndes Alarmgepiepse signalisierte unterschwellig, das Ladenlokal schnell wieder zu verlassen. Ich fand eine interessante Jacke im Herrensortiment, die als Damenjacke für meine Frau gut geeignet schien. Leider konnte ich im Damenbereich keine vergleichbare Jacke finden. Daraufhin sprach ich eine Mitarbeiterin im Eingangsbereich an und bat um Auskunft. „Ja, die Jacke gibt es auch für Damen. Wir haben sie allerdings nur in Blau vorrätig, können wir aber gerne in der Wunschfarbe bestellen.“ Okay, bestellen kann ich auch selbst.

Aus dem geplanten umfangreichen Einkauf wurde dann nur ein Mini-Einkauf vor Ort, und der Rest wird online bestellt. Ich habe es zumindest versucht! Ich sollte darüber nachdenken, ob ich einen Einkaufsratgeber erstelle, in dem die wenigen noch vorhandenen Geschäfte aufgeführt sind, in denen man noch richtig gut beraten wird und auch einkaufen kann. Das wird vermutlich eine sehr überschaubare Liste werden.

Innenansicht Pflegeversicherung - Eine

Aktuell wird viel über die Pflegeversicherung diskutiert. Hier ist mein komplett subjektiver Blick darauf, was in der Pflegeversicherung enthalten ist, was funktioniert und wo die Pflegeversicherung und das Pflegesystem völlig kaputt sind.

Seit Anfang letzten Jahres bezieht meine Frau Leistungen aus der Pflegeversicherung, und ich bin ihr pflegender Angehöriger. Zurzeit pflege ich meine Frau zu Hause. Vermutlich wird sich daran auch nie etwas ändern. Daher liegt mein Schwerpunkt auf der ambulanten Pflegesituation. Ich werfe aber auch einen Blick auf die stationäre Pflege, da es Überschneidungen gibt, zum Beispiel bei der Kurzzeitpflege.

Rückblick

Als die Pflegeversicherung in den 1990er Jahren eingeführt wurde, war sie für mich inhaltlich weit weg. Meine Einschätzung damals: Das ist eine Mittelstands-Erbschafts-Absicherung die als Zwangsversicherung von allen getragen wird. Bei mir kam an, dass die Heim-Pflegekosten immer weiter stiegen und diese hohen Kosten bei den zu Pflegenden zum Rückgriff auf das Vermögen führten und damit das potentielle Erbe der Angehörigen in Gefahr brachten.

Randbeobachtungen

In den letzten Jahren gab es im Freundes- und Familienkreis immer mehr Berichte über Pflegegrade, die Eltern und Angehörigen zugeteilt wurden, und die damit verbundenen Leistungen. Bei mir entstand der Eindruck, dass jede Person über 75 aufgrund typischer altersbedingter gesundheitlicher Einschränkungen einen Pflegegrad erhält. Damit verbunden ist mindestens der Anspruch auf den Entlastungsbetrag in Höhe von aktuell 131 € monatlich für haushaltsnahe Dienstleistungen. Bei weiteren, auch eher alterstypischen gesundheitlichen Einschränkungen, besteht oft auch Anspruch auf einen höheren Pflegegrad und damit auf die Auszahlung von Pflegegeld. In den meisten Fällen von denen ich hörte, änderte sich am Leben der Betroffenen nichts, außer dass nun Kosten übernommen und eventuell zusätzlich Geld ausgezahlt wurden: Das verfügbare Einkommen erhöhte sich. Im Frühjahr diesen Jahres meinte mein Vater mit 84, dass er nun auch einen Pflegegrad beantragen würde. Das Ergebnis: Pflegegrad 2. Auf die Frage, ob er das benötige, sagt er: „Nein“, aber da alle anderen das bekommen, wollte er es auch haben. Einschätzung: viele Mitnahmeeffekte.

Einstieg ins Pflegesystem

Anfang 2025 verschlimmerte sich die Alzheimer-Demenz meiner Frau zunehmend. Über die Jahre war es zwar immer schwieriger geworden, sie allein zu lassen, doch gemeinsame Alltagsaktivitäten waren noch möglich. Ein letzter Versuch, im Sommer 2023 eine (Kurz-)Reise mit einer Übernachtung zu unternehmen, hatte verdeutlicht, dass Reisen nicht mehr möglich waren. Der wöchentliche Einkauf war umständlicher geworden, aber weiterhin machbar. Auch gemeinsame Café- oder Restaurantbesuche funktionierten noch. Besuche von Kulturveranstaltungen und Diskussionen waren mit Einschränkungen möglich.

Bereits ab Spätsommer 2024 gab es zunehmend Probleme mit einer verstärkten Hinlauftendenz und dem Beharren auf der Freiheit, dies auch tun zu dürfen. In der Konsequenz waren wir von Januar bis April 2025 faktisch zu Hause eingesperrt. Gemeinsames Weggehen und Wegfahren war wegen gefährlicher und aggressiver „Ausbruchsversuche“ meiner Frau fast nicht mehr möglich. Sie allein zu lassen, um die nötigsten Besorgungen zu erledigen, funktionierte aber ebenfalls nicht mehr, da sie in der Zwischenzeit zu Hause Dinge – auch aus dem Fenster im fünften Stock – warf oder zerstörte, massive Unordnung verursachte und sich zum Teil auch selbst gefährdete.

Daher suchte ich nach Hilfe. Ich hatte von Kurzzeitpflege und Tagespflege gehört. Klang auf den ersten Blick nach passenden Lösungen. Schnell wurde mir klar, dass man ohne “Pflegegrad” nicht relevant ist. Daher bemühte ich mich um die Erlangung eines Pflegegrades. Hierbei war ich positiv überrascht vom Maß der Digitalisierung und Geschwindigkeit. Antrag konnte Online formlos gestellt werden, Terminvereinbarung binnen 2 Wochen ebenfalls mittels einer Online-Plattform. Die Zugangsdaten waren postalisch zugestellt worden. Am Folgetag der Begutachtung war das Gutachten online abrufbar und der Pflegegrad 4 zugeteilt worden. Automatisch wurde sofort das mit dem Pflegegrad verbundene Pflegegeld ausgezahlt. Einstieg ist super einfach, Pflegegeld wird sofort ausgezahlt!

Bedeutung Pflegegrad & Zugang zu Leistungen

Erhofft hatte ich mir, dass mit dem Pflegegrad der Zugang zur Kurzzeitpflege (um ein paar Tage verreisen zu können) und zur Tagespflege nun möglich sei.

Tagespflege

Leider wurde ich mehr als enttäuscht. Kurzfristig konnte ich einen Probetermin für die Tagespflege vereinbaren. Nachdem ich meine Frau zum Probetermin gebracht hatte, war ich kaum wieder zu Hause, als mich der Anruf der Einrichtung erreichte: Ich solle meine Frau schnellstmöglich wieder abholen, da man den Betreuungsaufwand (sie lief herum) nicht leisten könne und wolle. Nachfolgend bemühte ich mich bei weiteren Tagespflegeeinrichtungen um einen Tagespflegeplatz. Nach einer kurzen Schilderung der Situation wurde mir immer gesagt, dass aktuell „leider“ keine Plätze frei seien, man mich aber auf eine Warteliste setzen würde. Die typische Wartezeit wurde mit ungefähr vier Monaten beziffert. Von keiner dieser Wartelisten habe ich bis heute eine positive Rückmeldung erhalten, auch nicht auf Nachfrage.

Über die Zeit hat sich mein Eindruck verfestigt, dass die isoliert arbeitenden Tagespflegen sich ihre Kunden sehr genau aussuchen. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass es eher gemütliche Zusammenkünfte von alten Menschen waren, die ich aus meiner Kindheit als Altenkaffee kannte und die zumeist privat organisiert waren. Diese Angebote wurden nun in einem hochprofessionellen Rahmen mit etwa 100 Euro pro Tag und Person vergütet bereitgestellt. Geschätzter Jahresumsatz einer Tagespflegeeinrichtung: 500.000 € (eine halbe Million Euro). Hochregulierte Kriterien, die vermutlich in vielen Fällen vollkommen praxisfern und überdimensioniert sind, die die Tagessätze (leider) erklärlich machen. Dazu vermeidet man bewusst komplizierte Fälle, da sie zusätzlich personalintensiv sind.

Tagespflegeplätze sind in vielen Einrichtungen verteilt. Es gibt Listen, welche Einrichtungen Tagespflege anbietet. Dort hört aber die Gemeinsamkeit auf. Platzvergabe erfolgt pro Einrichtung nach nicht definierten Kriterien. Eine zentrale Übersicht über verfügbare Plätze ist nicht vorhanden. Ablehnungsgründe sind intransparent und es wird auch nirgendwo festgehalten, welche Art von Plätzen eventuell fehlen.

In meinen Augen braucht es eine zentrale Koordinierung über die Tagespflegen und gleichzeitig auch eine genaue Protokollierung und Zugangskriterien dazu, sodass die einzelnen Einrichtungen sich nicht individuell die interessantesten oder besten Fälle herauspicken können. Dringend erforderlich sind mehr Transparenz und Gerechtigkeit.

Kurzzeitpflege

Gleichzeitig begann ich mich um einen Kurzzeitpflegeplatz zu bemühen. Oft hörte ich keine freien Plätze oder nur ganz weit in der Zukunft. Hier daher auch leider kein Erfolg. In einer Pflegeeinrichtung bekam ich einen persönlichen Besichtigungstermin, bei dem man mir sagte, dass es für meine Frau leider keinen passen Platz gäbe, da niemand sicherstellen könne, dass sie nachts das Gelände nicht verlassen würde. Die Pflegeeinrichtung machte auch mich eher den Eindruck eines auf die Bedürfnisse von älteren Menschen ausgerichteten 3-4 Sterne Hotels. Rezeption, Restaurant, Cafeteria und gemeinsame Freizeitangebote. Das potentielle Zimmer für die Kurzzeitpflege hatte ein gemeinsames Badezimmer mit dem Nachbarzimmer. Gegenüber ein Aufzug und ein Treppenhaus, im EG einen Seitenausgang zum Außengelände mit direktem Zugang zu einer Hauptstraße. Ich habe eingesehen, dass meine Frau dort verloren gehen würde, wo sie bereits zu Hause die Toilette oft nicht mehr findet.

Für die Verhinderungs-/Kurzzeitpflege für maximal 8 Wochen zahlt die Pflegeversicherung aktuell maximal € 3539 pro Jahr (soll ab 2027 weniger werden / anders strukturiert werden) . Faktisch bekommt man für diesen Betrag aktuell ca. 3 Wochen für eine Unterbringung. Die meisten Einrichtungen mit denen ich gesprochen habe, waren auch nur bereit einmalig als Block ein Angebot zu machen. Zuzahlungen für Unterbringung und Verpflegung in dieser Zeit wurde mir mit ca. 130 € pro Tag genannt, d.h. ca. Eigenleistung 2700 € für die genannten 3 Wochen. Aber dazu muss man erst einmal einen Platz bekommen. Für uns faktisch im Moment nutzlos.

Die Pflegeeinrichtungen, denen die Kurzzeitpflegeplätze zumeist angeschlossen sind, erscheinen mir wie vollkommen überteuerte Hotels, zumindest für den Teil der Bewohner, die sich im Wesentlichen noch selbst bewegen.

Auch bei den Kurzzeitpflegeplätzen die gleiche Situation wie bei den Tagespflegeplätzen. Es gibt Listen, welche Einrichtungen Kurzzeitpflegeplätze anbieten. Dort hört es dann aber auch mit der Koordinierung. Jede Einrichtung vergibt eigenständig die Plätze wieder nach unklaren Kriterien und erneut werden eventuell fehlende Leistungsbereiche nicht erfasst.

Pflegeberatung

Verbunden mit den Leistungen eines Pflegegrad gibt es die Verpflichtung mehrmals im Jahr eine Pflegeberatung zu nutzen. Auch hier liess sich schnell ein Termin vereinbaren. Leider war die Pflegeberatung keine Hilfe. Bei der ersten Pflegeberatung wurden jede Menge Daten zu meiner Frau erfasst und abgefragt. Als Resultat wurde mitgeteilt, auf welche Leistungen sie Anspruch hat: Pflegegeld, Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege, Tagespflege, Pflegehilfsmittel, ambulanter Pflegedienst. Nutzlos, da diese Informationen gut aufbereitet auf Webseiten zu finden sind und alle bereits bekannt waren.

Die Nachfrage zu konkreten Tagespflege- und Kurzzeitpflegeplätzen gab es leider keinerlei Antwort oder Anregung. Dauerte der erste Beratungstermin knapp eine halbe Stunde, waren die folgenden Beratungsgespräche nur noch wenige Minuten lang, wobei die meiste Zeit auf das An- und Ausziehen der Jacke und das Auspacken/Verstauen des Tablet-Computers verwendet wurde.

Einzige Ausnahme war ein einziger Beratungstermin bei dem der Pflegeberater zwei Einrichtungen nannte, in denen seine demente Großmutter untergebracht war und regte an, dort evtl. einmal wegen eines Tagespflegeplatzes nachzufragen.

Aktuelle Situation

In einer der genannten Einrichtungen habe ich nach mehr als neun Monaten Vorlaufzeit für meine Frau einen Tagespflegeplatz bekommen. Der erste Probetermin war ebenfalls sehr enttäuschend. Als ich meine Frau mittags dort abholte, machte sie auf mich einen sehr zufriedenen Eindruck. Auch die Betreuerin in der Einrichtung bestätigte, dass der Probetermin gut geklappt hätte, obwohl meine Frau viel herumgelaufen sei.

Auf meine Nachfrage bezüglich des weiteren Vorgehens wurde mir aber mitgeteilt: „Aufgrund von Personalmangel können wir Ihre Frau im Moment nicht aufnehmen. Eventuell melden Sie sich in einigen Monaten noch einmal bei uns.“ Es hat dann noch ein gutes halbes Jahr gedauert und bedurfte mehrerer Telefonate sowie zunehmend eskalierender schriftlicher Kommunikation, bis ein erneuter Probetermin vereinbart werden konnte, dieser erneut erfolgreich war und meine Frau dort nun einige Tage in der Woche betreut wird. Glücklicherweise hatte ich wenige Wochen vor dem neuen Probetermin herausgefunden, dass die Medikamente meiner Frau in Kombination mit Koffein nicht die gewünschte Wirkung erzielten, obwohl es aus pharmakologischer Sicht keine Bedenken gab und die “Unbedenklichkeit” auf Nachfrage von den behandelnden Ärzten ausdrücklich kommuniziert war. Nach dem Verzicht auf Koffein ist meine Frau viel ruhiger geworden und somit nun auch voll-kompatibel für die Tagespflege.

Was gibt es sonst noch?

Einen häuslichen ambulanten Pflegedienst haben wir bisher nicht in Anspruch genommen, da ich dies Leistungen noch sehr gut noch selbst erledigen kann. Zudem würde die Abhängigkeit von fixen Terminen, die dann auch noch in einem hohen Grad variabel sind, im Tagesablauf eher Herausforderungen bedeuten, als dass sie tatsächlich eine Entlastung wären. Oft ist es so, dass meine Frau eine Pause braucht, bevor Dinge fortgesetzt werden können, und das ist natürlich gerade bei durchgeplanten und optimierten professionellen Pflegediensten schwer zu leisten.

Zusammenfassung

Zusammenfassend komme ich zu dem Ergebnis, dass die Geldleistungen aus der Pflegekasse sehr schnell fließen, auch wenn sie oft nicht das primäre Ziel sind und nicht immer benötigt werden. Es wäre daher sinnvoll zu überprüfen, inwieweit Geldleistungen tatsächlich erforderlich sind für die Lebenssituation der zu Pflegenden.

Mein Eindruck ist, dass es heute zu viele Beratungsangebote und Fachberatungen gibt, die aber inhaltlich wirkungslos sind, da ihnen die praktischen Erfahrungen bezüglich einer Umsetzung fehlen. Es ist schön und nett, nicht selbst Informationen heraussuchen zu müssen, auf welche Leistungen theoretisch ein Anspruch besteht, aber wenig hilfreich, wenn danach ein mühsamer Ansatz gesucht werden muss bei vielen einzeln isoliert arbeitenden Einrichtungen. Entweder wird das Angebot an Beratungsleistungen deutlich an den Bedarf optimiert im Sinne von: „Hier ist eine Liste von Einrichtungen A, B, C, bei denen du Hilfe bekommen kannst" und im Zweifelsfall wird auch aktiv mit nachgefragt, oder man kann diese Beratungsleistungen deutlich reduzieren.

Die vielfältigen Angebote bei einem Pflegegrad sind oft nicht zugänglich, da die Einrichtungen sehr isoliert arbeiten. Es bedeutet viel Aufwand, überhaupt an die richtigen Stellen zu kommen, und die Angebote sind nicht unbedingt zielführend.

Bei allen Angeboten in Einrichtungen bin ich der Meinung, dass hier eine zentralisierte Platzvergabe erfolgen müsste, um einen einfacheren Zugang zu ermöglichen und gleichzeitig sicherzustellen, dass kein Cherry Picking erfolgt. Auch wäre es anhand dieser zentralen Erfassung möglich, festzustellen, welche Betreuungsangebote jeweils fehlen, um auf der Angebotsseite nachsteuern zu können. Vermutlich würde eine zentrale digitale Plattform bereits ausreichen, und in den Fällen, in denen den Menschen der Zugang zu einer solchen digitalen Plattform nicht möglich ist, entsprechende Hilfestellungen bei der Bedienung.

Bei den Pflegeeinrichtungen und den damit verbundenen Kurzzeitpflegeplätzen ist mein Eindruck, dass in zwei Kategorien zu unterscheiden ist:

  1. Personen, die bettlägerig sind und eher in einem krankenhausähnlichen Zustand betreut werden.
  2. Bewohnerinnen und Bewohner, die noch selbstständig sind, aber an einzelnen Punkten Unterstützung benötigen.

Der ursprüngliche Ansatz eines Pflegeheims war sicherlich eher an Kategorie 1 ausgerichtet. Kategorie 2 wurde nun in diesen Ansatz integriert, bedeutet aber auch massiven Aufwand und damit verbunden gewaltige Kosten. Das ginge vermutlich auch kostengünstiger und weniger reguliert.

Ausblick

Oft wäre der Zugang zu einer (kleinen) barrierefreien Wohnung in Kombination mit modularen Unterstützungsangeboten (z.B. Reinigungsdienste, Essensangeboten) ausreichend. Langfristig wäre es hilfreich, wenn wir zentral gelegenere, altersgerechte Wohneinrichtungen hätten, die optional bestimmte Leistungen anbieten, wie Reinigung, Mahlzeiten und Freizeitangebote, aber nicht das hohe Maß an Betreuung einer geschlossenen Einrichtung benötigen. Auch könnten damit die ambulanten Pflegedienste entlastet werden, bei denen heute ein großer Teil der Arbeitszeit für die Anfahrt zur Pflegestelle aufgewendet werden muss. Nur im Bedarfsfall wäre dann der Wechsel zu einer stärker einrichtungsorientierten, hochstrukturierten Pflege erforderlich.

Zukunftsbild braucht Antworten auf die Frage was damit individuell besser wird

#1 – Ein positives Zukunftsbild | Wir brauchen optimistische Zukunftserwartungen. Etwas, das ein Gegenentwurf zu Ohnmacht und Komplexität ist. Etwas, das Vertrauen und Stabilität gibt. […]

#2 – Plan und Perspektive | Und dann: ein Plan und eine Perspektive. Wenn uns klar ist, wohin wir wollen und wie ein zukünftiges Deutschland aussehen soll, ist auch klar, was zu tun ist. […]

Man mag unterschiedlicher Meinung zu den Maßnahmen sein. Das ändert jedoch nichts am Wunsch eines positives Bildes und eines Weges, der konsequent gegangen wird.

Draußen nur Kännchen

Das positive Zukunftsbild und den zugehörigen Plan, wie dieses zu erreichen ist, sind wichtige Aspekte.

Bei einigen der ausführlich und gut beschriebenen Rahmenbedingungen sowie bei der Frage, wie ein Zukunftsbild aussehen soll, käme ich zu anderen Analysen und Schwerpunktsetzungen als Vanessa Giese. Ihre Zusammenstellung finde ich dennoch konsistent und nachvollziehbar.

Es fehlt aber die Betrachtung (und Antworten) auf zwei wesentliche Fragestellungen:

  • Wie wird mein Leben mit dem vorgeschlagenen Zukunftsbild besser?
  • Wird es meinen Kindern und weiteren Nachfahren besser als mir gehen?

Aktuell liefern auf diese Fragen nur die Extreme irgendwie neue Antworten mit einem Veränderungsplan, auch wenn damit eher unrealistische Zielerreichungen zu erwarten:

Die Linkspartei fokussiert sich auf das Thema “Wohnen” - wir vergemeinschaften Wohnungen und damit wird Euer Leben besser, weil es bei Thema “Wohnen” besser wird. Der Ansatz hält keiner ernsthaften Prüfung stand, verfängt aber schnell.

Bei der AfD soll angeblich alles besser werden, wenn Deutschland sich nur um sich kümmert und gleichzeitig die vielen Fremden auch nicht mehr in Deutschland sind. Vereinfacht stark, nimmt die hohe Komplexität heraus und verfängt (leider) in seiner Einfachheit bei den Wählern. Kombiniert mit einem Feindbild (den Fremden) leider aktuell sehr erfolgreich.

Aus der Mode geraten ist das Thema “Umwelt” der Grünen. Die Grünen erklären, dass das Leben besser wird (und sei es nur das Überleben), wenn Natur und Umwelt vollausgesteuert „gerettet“ werden. Ein Stück des Weges wurde bereits gegangen, das wirklich Besser ist teilweise nur schwer zu erkennen, an anderer Stelle (Beispiel Energiewende) sind aus einer Umsetzung heraus bereits neue Probleme entstanden.

Die FDP versucht zu erklären, wieso mit mehr Freiheit, weniger Staat und geringere Steuern gut sind, findet aber auch keine guten Beispiele, was dies für den Einzelnen konkret besser macht bzw. es gibt auch kein Verlangen in weiten Teilen des Wahlvolks nach den genannten abstrakten Zieldimensionen. Oder die gespürte Erfolglosigkeit in den letzten Regierungsbeteiligungen führt zur Ablehnung des Angebots.

Zu guter Letzt bleibt noch die “Alles bleibt wie es ist” Erzählung. Auch zu wenig auf dem Wählermarkt, da viele auch erkennen oder spüren, dass Veränderungen notwendig sind:

Alle Parteien aus dem linken Spektrum (Linkspartei, Grüne, SPD) versuchen zu erklären, dass alles mindestens so bleibt wie es ist, evtl. auch noch mehr “verteilt” wird, weil man den “Reichen” (den Anderen) etwas mehr wegnimmt.

Konservative (CDU, CSU) haben jenseits von “früher war alles” keine Erzählung, mühen sich an Reformen ab, die aber durch Veränderungsunwillen sich selbst blockieren. Man beschwört viel Wirtschaft und Wachstum wie “früher”, die meisten der aktuellen Wähler haben aber keine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse mehr mit dem oft zitierten Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit.

Die Umfragen und Wahlergebnisse werden sich erst dann wieder Erträglicher und Zukunftsgerichteter, wenn die Parteien der Mitte ihre Programmatik mehr den den Fragestellungen “Macht das mein Leben besser” und “Haben meine Nachkommen eine bessere Zukunft?” ausrichten.

BTW: Die Notwendigkeit der Beantwortung vorgenannten zentralen Fragen ist mir beim Zuhören hier klargeworden:

Ich habe aus Neugier die mdmeets Podcastfolge von Mathias Döpfner mit Peter Thiel gehört. Aufgrund meiner Erfahrungen mit Döpfner bin ich ihm als Mensch und Journalist gegenüber sehr skeptisch und misstrauisch. Die Unterstützung Trumps durch Peter Thiel irritiert mich; bisher hatte ich jedoch eher keine Meinung zu Thiel. Der Inhalt des Gesprächs hat mich sehr überrascht, und es fällt mir schwer, die heftige Kritik an Thiel im Zusammenhang mit seinem Springer-Award zu verstehen.

Payback für Jens Spahn

Ich muss weder Spahn noch Amthor besonders schätzen, um diese Verkürzung fragwürdig zu finden. Schon bei Spahns Behandlung durch Markus Lanz hat mich gestört, wie schnell journalistisches Nachfragen den Charakter einer öffentlichen Vorführung annimmt.
Horst Schulte
In den vielen Kommentaren zu den Vorgängen um Jens Spahn (und auch Philipp Amthor) vermisse ich eine Rückkoppelung zum (sonstigen) Auftreten der jeweiligen Personen.

Zwischen 2017 und 2021 habe ich Jens Spahn einige Male bei Diskussionen ohne Kameras erlebt. Die meisten politischen Akteure sind in solchen Runden oft menschlicher und lassen erkennen, dass sie ihre Mitstreiter aus anderen Parteien persönlich schätzen. Bei konkreten Fragen zeigen sie, dass sie die Argumentation der Gegenseite nachvollziehen können, aber zu einem anderen Schluss kommen. Jens Spahn habe ich in diesen Runden immer anders erlebt: Er erhob sich meistens über die Mitdiskutanten, fiel ihnen ins Wort und belehrte sie. Oft entstand bei mir der Eindruck, dass er vermitteln wollte, seine Meinung sei die einzig richtige und er müsse nun – zum wiederholten Mal – allen anderen erklären, wie die Welt funktioniert.

Diese Beobachtungen passten nicht so recht zur Rolle eines Fraktionsvorsitzenden bei knappen Mehrheitsverhältnissen. Bereits bei der Wahl zum Fraktionsvorsitzenden habe ich mich daher gewundert, dass es Jens Spahn wurde. Ich habe mir seine Wahl damit erklärt, dass Spahn sich ja auch weiterentwickelt haben könnte und nun besser in der Lage sein könnte, zu integrieren.

Spätestens bei der gescheiterten Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Richterin am Bundesverfassungsgericht wurde mir klar, dass Jens Spahn sich offenbar doch nicht so recht weiterentwickelt hat. Vermutlich glaubte er, dass seine Ansage als Fraktionsvorsitzender – „Ja, wählen wir mit!“ – ausreicht. Während seine Ansagen bis dahin vermutlich akzeptiert oder toleriert worden waren, weil sie inhaltlich passend waren, gab es in dieser Frage deutlichen Widerstand.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt begannen Fraktionskollegen, die vorher seine Art hinnehmen mussten, es ihm heimzuzahlen. Payday!

Es war bekannt, dass der einflussreiche, inzwischen verstorbene Wolfgang Schäuble ein Förderer von Jens Spahn war. Spahn wird weitere Unterstützer und Förderer gehabt haben. Entweder ist deren Einfluss geringer geworden oder sie haben sich von Spahn distanziert. So hat er sowohl den CDU-Fraktionsvorsitz als auch nun die Mitgliedschaft im Haushaltsausschuss des Bundestages verloren.

Ich bin gespannt, ob er sich neu erfinden kann, einen anderen Umgang mit seinen Mitstreitern findet oder dauerhaft in der politischen Bedeutungslosigkeit verschwindet. Augenfällig ist aber das Wesen eines Politikers, sein Umgang mit anderen Menschen auch relevant, nicht nur die politische Einstellung und Durchsetzungsfähigkeit.

Stolpersteine sind wichtig und müssen sichtbar sein

Bin ich zu Fuß in meinem Viertel in der Kölner Innenstadt unterwegs, sehe ich viele Stolpersteine. Jedes Mal aufs Neue berühren sie mich – und lassen mich mit vielen Fragen und großer Traurigkeit zurück.

Ich bin in Hitdorf, einem kleinen Ort am Rhein zwischen Köln und Düsseldorf aufgewachsen. Während meiner Oberstufenzeit (1984–1987) gab es erste Ansätze, das lokale Geschehen im Dritten Reich nachzuvollziehen. Ich fand einen Hinweis darauf, dass in meinem Wohnortort zwei jüdische Familien deportiert worden waren.

Dazu habe ich meine Oma (* 1915) befragt, die im Ort ihr gesamtes Leben verbracht hat. Ich wollte erfahren und verstehen, was damals passiert ist. Lange hat sie vorgegeben sich nicht erinnern zu können, obwohl Erinnerungen aus der NS- und Kriegszeit häufig von ihr erwähnt wurden.

Bezüglich der jüdischen Familien habe ich nicht aufgeben Mir ging es nicht um Schuldzuweisungen, sondern nur um das Verstehen. Dabei eskalierten die Gespräche mit meiner Oma zunehmend. Irgendwann, mein Druck war scheinbar zu groß geworden, sagte sie dann einen Satz, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist: “Ja, es wurde ein Viehwaggon an die Kleinbahn angehängt und diese Familien wurden darin fortgebracht.”

Die Kleinbahn fuhr direkt an ihrem Haus vorbei.

Sie ergänzte noch: “Was sollten wir denn machen? Wer etwas sagte, bekam es mit der SA zu tun.” Ich meine mich zu erinnern, dass sie auch erwähnte, dass die Familien nochmals in Köln-Deutz im Internierungslager in der Messe gesehen worden waren. Mehr konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Was auch immer sie noch an Erinnerungen hatte, ist mit ihrem Ableben verloren gegangen.

Ich hätte mir gewünscht, dass es die Stolpersteine zu meiner Schulzeit bereits gegeben hätte. Ich wäre vielleicht früher darüber gestolpert, hätte früher nachfragen könne, hätte einen Bezugspunkt für meine Fragen gehabt. Auch hätte es dem gesamten Ort nicht erlaubt die Verbrechen an ihren ehemaligen Nachbarn nicht zu sehen. Eventuell hätten sie meiner Großmutter, die einen riesigen rheinisch-katholischen „Richtig-Falsch-Kompass“ hatte, nicht erlaubt, ihre Erinnerungen derart zu verdrängen.

Heute gibt es für die damals aus des Ort gerissenen jüdischen Familien Stolpersteine:

Alfred Maier Elsa Maier Simon Sally Maier

Abraham Herz Frieda Herz Therese Cohn Simon Philipp Herz Regina Herz

Stolpersteine sind wichtig und müssen sichtbar sein!

Mein Apple Abschied beginnt (wieder) ...

Mein Apple-Anfang 1984

On-Off-Beziehung ist eine sehr treffende Beschreibung meiner Beziehung zu Apple. Mein Jahrgang war der erste, der in der Oberstufe einen Informatikkurs belegen konnte. Der Grundkurs Informatik startete im Sommer 1984 auf zehn Apple-IIe-Systemen. Programmiert wurde mit UCSD Pascal. Fast zeitgleich kam Anfang 1984 der erste Mac auf den Markt. Das Gerät faszinierte mich sehr. Oft verbrachte ich viel freie Zeit in Geschäften, in denen man einen Mac ausprobieren konnte. Preislich spielte der Mac in einer Traum-Liga.

Scan einer Apple Preisliste aus 1985 - Apple Macintosh Basispreis DM 8470,–

Ohne viel Mühe hatte man schnell mehr als zehntausend Mark auf der Rechnung. Bei vielen Händlern gab es Rabatte auf die Listenpreise, aber der Mac-Preis war weiterhin astronomisch. Daher bekam ich 1985 nur einen Apple //e. Aus Nostalgiegründen ist dieser immer noch vorhanden und steht, verstaut in zwei Kisten, im Keller. Vor einigen Jahren war er noch funktionstüchtig. Es folgten Amiga und PCs. 1989 leihweise für ein halbes Jahr einen aktuellen Mac für die DTP-Nutzung. Ansonsten viel Windows und Linux 08/15 Hardware und OS.

Lange Pause, Newton und Hackintosh

Dann über Jahre erneut kein Bezug zu Apple, um 1998 herum eine kurze, intensive Zeit mit einem Newton (liegt auch noch im Keller). Damals Visionär, aber leider noch zu unreif und zu früh auf den Markt gebracht. Nächster Apple-Kontakt via Hackintosh auf einem IBM X61t Notebook, später abgelöst durch ein 15" HP-Hackintosh-Notebook.

iMac, iPhone & iPad

Im Winter 2009 wechselte ich als primäres Arbeitsgerät auf ein iMac 27". Windows dann für lange Zeit nur auf Notebooks.

Seit Herbst 2008 sind unterschiedliche iPhone-Modelle mein primäres Mobiltelefon. Ab 2010 gesellte sich das iPad dazu. Viele der meistgenutzten Anwendungen verlagerten sich vom iPhone auf das iPad. Das iPad schien mir die perfekte Kombination aus Mobiltelefon und Notebook zu sein.

Seit Frühjahr 2025 ist ein Macbook Air M4 vorhanden (hat ein Macbook Air M1 abgelöst, das aber fast nur als Unterwegs-Notebook im Einsatz war). Mit dem M4 Macbook wurden die iPads (iPad Pro 12.9 + Standard iPad aus 2022) fast obsolet. Zusammen mit dem iPhone 15 Pro Max ist das Macbook Air gefühlt ausreichend. Gedanklich erkläre ich mir diese massive Nutzungsveränderung mit dem Aufkommen der AI-Nutzung, bei der gefühlt die Limitationen des iPad für mich überwogen.

Vorgespult zu 2026

Aktuell sind immer noch das iPhone 15 Pro Max, eine Apple Watch 10 und das Macbook Air M4 im Einsatz. In der Vergangenheit habe ich die iPhones alle drei Jahre erneuert. Die Watch Updates waren unregelmäßiger, da es einen begründbaren Mehrwert geben mußte. Dieses Jahr werden beide nicht erneuert werden. Es ergibt keinen Sinn jenseits einer besseren Kamera auf dem iPhone.

Apple und die EU (Digital Markets Act)

Als Apple in der WWDC Keynote 2026 länglich erklärte, warum Siri AI und andere Funktionen nicht in der EU verfügbar werden, war meine erste Reaktion: “Mist, verhindert die dumpfe EU-Bürokratie erneut meinen Zugang zu Innovation”.

Nach einigen Nächten darüber schlafen und ein wenig mehr Recherche kam ich zu dem Ergebnis: „Apple, ich kann deine Argumente nachvollziehen, warum der Zugang zu meinen Daten sensibel ist und du ihn daher zu meinem Schutz exklusiv nutzen möchtest. ABER ich bin erwachsen und möchte darüber selbst entscheiden können. Es ist gut möglich, dass ich bei Deinem Apple-Angebot bleibe. Da du jedoch in den letzten Jahren die KI-Entwicklung vergurkt hast, möchte ich mir die Option offenhalten, einen anderen KI-Provider zu nutzen!“

Ich finde die Argumentation der EU-Kommission passend. War das Zugangsmonopol zu Apps über den App Store auf iPhone und iPad noch irgendwie akzeptabel, wäre eine Apple-exklusive App-Zertifizierung auf dem Mac mit Sicherheit mein Exit-Kriterium. Und bei iPhone, Watch und iPad sehe ich keinen Anreiz auf neuere Hardware zu wechseln. Auch werde ich erstmals nach vielen Jahren am kommenden Montag und in den nächsten Monaten auf keinem meiner Apple-Geräte auf die neue “27er” Softwareversion wechseln. Ich sehe keinen Grund dies zu tun.

Schaue ich mir die Apple-Bilanz an, wird klar, dass der Großteil der Wertschöpfung durch Hardwareverkäufe entsteht. In Kombination mit geschlossenen, aber gut integrierten Betriebssystemen ergibt sich daraus eine Einheit. Diese Einheit ist nun durch KI-Funktionen und entsprechende Anbieter bedroht. Das Betriebssystem droht in den Hintergrund zu treten, was in der Folge zu einem Einbruch der Hardwareverkäufe führen könnte. Einige Experten sind der Meinung, dass die bunten Bildschirme im KI-Zeitalter insgesamt ein Relikt der Vergangenheit sind und sich alles in Richtung Sprache verschiebt. Ich kann das derzeit nicht nachvollziehen. Der Bildschirm bietet ein hohes Maß an Privatsphäre, das durch Spracheingaben nie erreicht werden kann. Nur die Sprachausgabe über Kopfhörer ist in Bezug auf die individuelle Privatsphäre gleichwertig. Bei Samrtglasses habe ich als Gleitsicht-Brillenträger wenig Zuversicht. Ingsamt vielversprechend, aber wenn “Smart” verlangt, dass ich mich bei meiner Brille auf die Korrektur meiner Kurzsichtigkeit (in die Ferne) beschränken muss, dann wird das nicht wirklich gut. Eine Kombination von Kamera plus Projektion des Nahinhalts auf den Screen in der Brille könnte eine Option sein. Da aber aktuell die Kameras in den Brillen bereits verteufelt werden, sehe ich in dieser Richtung wenig Akzeptanz. Insgesamt sehe ich in der überschaubaren Zukunft die Dominanz eines Smartphones. Aber ein neuer Wettbeeerb, welche Software-Plattformen relevant sind könnte beginnen. Apple hat einen guten Startplatz aber zumindest in der EU ein nicht wettbewerbsfähiges Modell.

Gleichzeitig hat Apple, von außen betrachtet, einen Teil der KI-Entwicklung verschlafen. Während auf der Hardwareseite mit dem MLX-Framework auf Apple Silicon ein durchaus leistungsfähiges und wettbewerbsfähiges Portfolio vorhanden ist, musste das Unternehmen auf der Softwareseite nach zwei Jahren der Nichterfüllung seit den Ankündigungen von KI-Funktionen auf der WWDC im Sommer 2024 nun auf eine Zusammenarbeit mit Google setzen und Gemini als Modell nutzen. Offen ist noch, wie gut Siri AI funktionieren wird, denn die Funktion setzt umfangreiche Vorarbeiten in den Apps voraus, die von den App-Entwicklern bereitgestellt werden müssen. Während MCP und auch die Integration von Agenten zumeist entlang bereits vorhandener APIs erfolgen können, möchte Apple die Entwickler mit seinem Ansatz in ein deutlich engeres Korsett pressen. Angesichts der Tatsache, dass im September 2026 viele große Märkte wie die EU, China und Japan vorerst ausgeschlossen sind, habe ich Zweifel daran, dass App-Entwickler bereit sein werden, mit voller Kraft in dieses Thema einzusteigen.

Für den Moment werden iPhone und Watch mein primäres Smartphone-System bleiben. Aber gedanklich bereite ich bereits meinen Abschied vor – zumindest als valide Option.

Vor Kurzem musste ich mein Android-Basteltelefon austauschen. Für 160 € habe ich ein aktuelles 5G-Samsung-Mittelklassemodell erstanden. Hardwareseitig macht dieses Gerät einen wertigen Eindruck, das Betriebssystem ist mir allerdings noch immer fremd. Wenn ich die Entwicklung der Claude- und Codex-Apps in den vergangenen 24 Monaten betrachte, kann ich mir vorstellen, dass sich meine Nutzung zunehmend in Richtung dieser Apps verschieben wird. Damit würde das Betriebssystem auf allen Geräten nachrangig oder eventuell sogar ersetzt werden: Apple OS & Android Bye-bye & I don’t care!

Die nächste Zeit bleibt spannend, Apple ist noch nicht ausgeschieden, aber die Mini-Fortschritte und überhebliche Abschottung gefährden (erneut) die Zukunft.

Mein 9/11

Es gibt Tage, die sich sehr markant einprägen. Der 11. September 2001 ist für mich einer dieser Tage. Meiner Einschätzung nach ist es ein Ereignis, das die folgenden 25 Jahre geprägt hat und auch mindestens die nähere Zukunft prägen wird.

Am Nachmittag des 11. September 2001 saß ich zusammen mit einem amerikanischen Kollegen, der kurz zuvor nach Deutschland gezogen war, in einem Büro in Wiesbaden direkt neben dem Hauptbahnhof. Wir arbeiteten an unseren Laptops mit einer aus heutiger Sicht schmalbandigen Internetverbindung (unter einem Megabit, gemeinsam genutzt) an einem Projektdokument, waren aber gleichzeitig auch online.

Zu dieser Zeit bedeutete „online“ für mich immer: MSN Messenger und ein geöffnetes und aktives Browserfenster mit einer Nachrichtenseite. Ich bin nicht sicher, ob mein Nachrichtenportal noch Focus Online war, das ab Mitte der 90er-Jahre eine gute Nachrichtenübersicht – vermutlich weitergeleitete Agenturmeldungen – bereitstellte, oder schon Spiegel Online.

Fast Live dabei

Gegen 15 Uhr sagte dieser Kollege: „Crazy, there are reports that a plane crashed into the New York WTC!“ Er hatte eine Messenger-Nachricht von US-Freunden erhalten. Wir begannen beide, der Sache nachzugehen, unterhielten uns parallel und spekulierten dabei über das „Was und Wie“ (Kleinflugzeug, Jet, Militärmaschine …), aber nicht im Entferntesten über ein „Warum“. Meine bevorzugten deutschen Nachrichtenseiten hatten zu dieser Zeit noch keine Informationen, während die amerikanischen Nachrichtenmedien bereits mit ihrer Berichterstattung begonnen hatten. Dazu gehörte auch ein CNN-Livestream (aus heutiger Sicht in Sub-SD-Qualität, aber es gab Bewegtbild und Ton). Schnell wurde klar, dass aufgrund der Rauchwolke etwas Größeres eingeschlagen sein musste. Ich meine, wir hätten den Einschlag des zweiten Flugzeugs live im Stream gesehen; es kann aber auch sein, dass wir nur eine der ersten Wiederholungen gesehen haben. Sicher bin ich mir hingegen, dass wir den Beginn des Einsturzes des Südturms noch im Livestream verfolgen konnten, bevor die Internetverbindungen zu US-Servern aufgrund von Kapazitätsüberlastung nicht mehr funktionierten. Kurze Zeit später waren auch die meisten deutschen Nachrichtenportale wegen Überlastung nicht mehr erreichbar. Ab diesem Zeitpunkt waren wir für Nachrichten auf das Radio eines Kollegen angewiesen.

Sorge um die Kollegen

Unser Unternehmen mit Hauptsitz in Seattle befand sich seit Anfang 2000 in einem weltweiten Aufbau. In Deutschland hatten im Laufe des Sommers eine Reihe neuer Kollegen begonnen, und ein gutes Dutzend Kollegen und teilweise Freunde war auf dem Weg nach Seattle zu seiner Onboarding-Session. Daher begannen im Laufe des späten Nachmittags die Telefone heiß zu laufen, weil die Angehörigen herauszufinden versuchten, was mit ihren Liebsten los war. Wir konnten schnell mit unserem Reisebüro klären, dass kein Kollege in einem der abgestürzten Flugzeuge gebucht war. Es blieb ein Restrisiko, dass kurzfristige Umbuchungen diesen Status geändert haben könnten. Später wurde klar, dass alle sicher in Seattle angekommen waren.

Im Verlauf des frühen Abends gab es nochmals Aufregung, als Gerüchte die Runde machten, dass es weitere gleichartige Anschläge auf ähnlich ikonische Gebäude geben könnte. Auf der Gerüchteliste standen auch die Seattle Twin Towers, im Hotel in diesem Gebäude waren unsere Kollegen untergebracht. Glücklicherweise passierte auch dort nichts. Die Kollegen berichteten jedoch von surrealen Szenen, als US-Kriegsschiffe fast direkt vor dem Hotel, im Hafen beziehungsweise in der Bucht von Seattle, Gefechtsposition bezogen.

Bis auf die Tatsache, dass die Kollegen deutlich länger als geplant in den USA bleiben mussten, ist ihnen aber nichts passiert.

Klarheit

Am Abend bin ich mit dem Auto von Wiesbaden zurück nach Hause in die Nähe von Köln gefahren. Auch in Deutschland kursierten wilde Gerüchte über mögliche Gefahren. In Frankfurt wurden vor allem der Messeturm und die Zwillingstürme der Deutschen Bank als Anschlagsziele genannt. Da der amerikanische Kollege seine Wohnung im Frankfurter Westend hatte, habe ich ihm telefonisch angeboten, zu mir nach Hause zu kommen. Das hat er nicht gemacht, und es ist auch nichts passiert.

Als ich zu Hause aus dem Auto stieg, waren ich bei Dingen sehr klar:

  1. In Anbetracht der Anschläge werden sich die Amerikaner als Nation zusammenfinden. Dies, obwohl die USA spätestens seit der Präsidentschaftswahl im November 2000 zerstritten war. Hatte ich, aus meiner deutschen Brille, den Großteil der Amerikaner bis dahin für vergleichsweise uninteressiert an der US-Bundespolitik erlebt, so hatte sich dies massiv geändert. Vorher war der Fokus dort mehr auf die eigene nähere Umgebung gerichtet. Von der Bundesebene wurde erwartet, dass sie das Land nach außen gut vertreten und sichern, die aber ansonsten heraushält und einen in Ruhe läßt. Ich war während und nach der 2000er Präsidentschaftswahl (Gore vs. Bush junior) und dem nachfolgenden Streit über die Auszählung und den Sieger in den USA. Hatte ich gelernt, das man anders als in Deutschland oder Europa, dort besser nicht über Politik spricht, änderte sich dies vor meinen Augen. Sehr binäre politische Positionsmitteilungen wurden normal. Dies steigerte sich ab dann von Wahl zu Wahl.
  2. Es wird eine heftige militärische Reaktion der USA geben. Aufgrund der Unklarheit hinsichtlich des Gegners war lediglich unklar, wie diese Reaktion aussehen würde. Aus meiner eigenen Erfahrung hatte ich nur die amerikanischen Bombardements auf Tripolis und Bengasi 1986, die Bombardements in Serbien, sowie den ersten Irakkrieg 1991 als Referenzgrößen in Erinnerung. Die Dimension der mit 9/11 direkt oder indirekt begründeten Kriegseinsätze war nicht erkannbar.

Auswirkungen bis heute

Bis heute haben die Auswirkungen von 9/11 Einfluss auf unser Leben:

  • Sicherheitskontrollen: Flughäfen, Grenzübergänge und öffentliche Gebäude werden deutlich strenger kontrolliert. Flüssigkeitsbeschränkungen, Körperscanner, biometrische Pässe und umfangreiche Datenbanken sind Teil dieser Sicherheitskultur.
  • Überwachung und Datenschutz: Der „Krieg gegen den Terror“ führte zu einer starken Ausweitung staatlicher Überwachung. Geheimdienste erhielten größere Befugnisse; zugleich entstand ein dauerhafter Konflikt zwischen Sicherheit, Privatsphäre und Bürgerrechten.
  • Außenpolitik und Kriege: Die US-geführten Interventionen in Afghanistan und im Irak prägten die internationale Ordnung, destabilisierten ganze Regionen und trugen indirekt zur Entstehung oder Stärkung dschihadistischer Gruppen bei. Gesellschaftliches Klima: Muslime und Menschen, die als muslimisch oder arabisch wahrgenommen werden, waren häufiger Diskriminierung, Generalverdacht und antimuslimischem Rassismus ausgesetzt. Begriffe wie „Terrorismus“ wurden politisch und medial nachhaltig geprägt.
  • Recht und Freiheitsrechte: Maßnahmen wie der Patriot Act, Vorratsdatenspeicherung, außergerichtliche Inhaftierungen und umstrittene Verhörmethoden verschoben vielerorts die Grenzen staatlicher Befugnisse.
  • Medien und Erinnerungskultur: Live-Bilder globaler Katastrophen, permanente Nachrichtenzyklen und die Darstellung von Terror in Film, Fernsehen und Computerspielen veränderten den öffentlichen Umgang mit Gewalt und Angst.
  • Infrastruktur und Wirtschaft: Kritische Infrastrukturen, Notfallplanung, Gebäudesicherheit und der Umgang mit Lieferketten- oder Cyberrisiken wurden neu bewertet.
  • Politische Debatten: 9/11 dient bis heute als Bezugspunkt für Diskussionen über Migration, Integration, Grenzen, militärische Interventionen und den Umgang mit politischen Extremismen.

Das ikonische Gebäude-Duo, das man beim An- oder Abflug nach New York sehen konnte, fehlt. Noch heute bin ich angesichts der direkten Konfrontation mit den Folgen des Anschlags verstört, besonders bei Besuchen am Ground Zero. Berichte über Opfer und Helfer bewegen mich.

Während der zurückliegenden Fußball-WM sendete MagentaTV seine (profanen) Talkrunden von einem Balkon in New York mit Ground Zero im Hintergrund. Ohne Einordnung empfand ich diesen Hintergrund als unpassend.

Der 11. September 2001 - Ein mehr als denkwürdiger Tag.