Eine Expedition ins deutsche Gesundheitswesen
Mein Vater kämpft seit einigen Wochen mit einer Harnwegsinfektion. Nach einem quälenden Wochenende stand gestern Vormittag ein weiterer Arztbesuch an. Aus der Arztpraxis erreichte mich der Anruf mit der Frage: „Kannst du mich ins Krankenhaus bringen?“ Ich ließ schnell alles stehen und liegen. Meine demente Frau wollte nicht mitkommen. Sie ist derzeit so gut eingestellt, dass ich kein Problem darin sah, sie für einige Stunden allein zu lassen. Das bestätigte sich auch bei meiner späteren Rückkehr.
Ich holte meinen Vater zu Hause ab. Er hatte bereits einen kleinen Koffer gepackt und drückte mir einen Stapel Papier in die Hand: eine Kurzzusammenfassung der Situation sowie ein ausgefülltes Überweisungsformular. Es fehlte jedoch die Information, wohin er genau musste.
Akt 1 - Papierberge im Krankenhaus
Nach einigen kurzen Aufregern bei der Anreise (Wo darf ich meinen Vater aussteigen lassen?) an der zentralen Patienten-Aufnahme angelangt. Eine digitale Voranmeldung durch den Hausarzt war nicht erfolgt. Mitgebrachtes Papier wurde in eine Mappe eingelegt, die Krankenkassenkarte war Basis für weitere Ausdrucke, die auch in die Mappe eingelegt wurden. Wir bekamen die Mappe in die Hand gedrückt und wurden zur zuständigen Ambulanz geschickt. Papier-Mappe abgegeben, gewartet, behandelt worden. Dann: Vater kann wieder nach Hause, Arztbrief wird an einem Bildschirmarbeitsplatz eingetippt und ausgedruckt. In diesem finden sich dann Sätze wie “Name nicht mehr erinnerlich” – vermutlich war die Papierakte wieder irgendwo und man konnte nicht nachschauen wer um was gebeten hatte. Dazu gab es noch ein Papier-Rezept.
Akt 2 - Ein Rezept ohne Unterschrift
Vater wieder ins Auto eingeladen, kurz vor seinem Zuhause die nahegelegene Apotheke aufgesucht. Der kritische Blick auf den Rezeptzettel machte. mich bereits leicht nervös. Mitarbeiter entschwindet in die hinteren Räume: “Moment bitte”. Nach einigen Minuten kommt er zurück: “Auf dem Rezept fehlt die Unterschrift des Arztes, das können wir so nicht einlösen!” — Diskussion der Alternative. Ergebnis: Apotheke legt das Medikament zurück, am Nachmittag Hausarzt anrufen, dort um die Neuausstellung des Rezepts bitten und Übermittlung per Fax an die Apotheke, diese bringt dann das Medikament am Abend zu meinem Vater. Gesagt getan, Mail an die Hausarztpraxis (GMail Account !) mit allen Papierdokumenten und bitte das Rezept zu übersenden. Nach fünf zusätzlichen Telefonaten konnte die Ersatzbeschaffung des Medikaments abgeschlossen werden. Zwischenzeitlich gelernt, dass in der Hausarztpraxis das Rezept auf die Krankenkassenkarte meines Vaters gespeichert wurde. Die Freigabe erfolgte bei diesem Arzt scheinbar nur im Sammelverfahren kurz vor Feierabend. Nachfolgend musste die Praxismitarbeiterin auf dieses abgespeicherte Rezept zugreifen und es Ausdrucken. Danach Fax an die Apotheke. Das Medikament landete am Abend im Briefkasten meines Vaters. Beiliegend ein Zettel mit der Bitte, in den kommenden Tagen die 5€ Rezeptgebühr auszugleichen. Das nicht unterschriebene Rezept hatte, aus welchen Gründen auch immer, einen “Kostenfrei” Vermerk.
Akt 3 - Die Suche nach einem Termin bei einem Urologen
Das Krankenhaus hatten meinen Vater entlassen mit dem Hinweis, dass er gerne bei Fieber oder Schüttelfrost sofort wieder kommen dürfe, ansonsten aber der Hausarzt nun für die weitere Behandlung zuständig sei. Der Hausarzt stellte “freundlicherweise” eine Überweisung zum Urologen aus, da ab diesem Punkt nicht mehr zuständig. Nachfolgend habe ich gesammelt zwei halbe Tage mit dem Abtelefonieren aller Urologen Umkreis des Wohnortes meines Vater verbracht. Gesucht wurde ein Termin für einen Katheter-Auslassversuch in der Folgewoche.
Praxis 1 hat noch Ferien, verweist an einen weiter entfernten Arzt.
Praxis 2 (der Verweis von 1) erklärt sich aufgrund des Wohnorts nicht zuständig und verweist auf die Tatsache, dass die gewünschte Behandlung ja auch in 5-6 Wochen erfolgen könne und da wäre ja die “zuständige Praxis” aus den Ferien zurück.
Praxis 3 ähnlich: Überlastung und Patienten nur aus Ort X. Aber es gäbe ja die Praxis 4 mit mehreren Kollegen, dort möge ich es doch bitte versuchen.
Praxis 4 war telefonisch über 2 Vormittage und einen Nachmittag nicht erreichbar: Entweder Leitung besetzt oder Anruf wurde nicht angenommen. Dort hatt man eine Doctolib-Seite. Terminangebote für gesetzlich Versicherte für die aufgeführte Anliegen im November/Dezember Zeitfenster. ODER: Selbstzahlertermine - Akute Beschwerden / Notfall zeitnah.
Praxis 5 war nicht erreichbar und auch ohne Möglichkeit zur Online-Terminanfrage.
Praxis 6 erklärte auch wieder die räumliche Nicht-Zustämdigkeit und Überlastung, obwohl bezogen auf Entfernung am nächsten zum Vater-Wohnort, aber seit 1975 in einem anderen Landkreis zugeordnet. Zwischenzeitlich hatte ich recherchiert, das die nötige Behandlung als Selbstzahler nicht die Welt kosten würde (< 100€). Da ich bereits massiv gefrustet war, die Optionen jenseits von Notaufnahme Krankenhaus, ausgingen, habe ich die Karte “Wann könnte ich denn einen Termin als Selbstzahler erhalten und was würde es ca. kosten?” gezogen. Termin gäbe es sofort, für die Kostendiskussion wurde ich direkt mit dem Arzt verbunden. Diesem die Situation geschildert. Nach kurzer guter und offener Diskussion gab es einen Termin für meinen Vater fünf Tage später ohne “Selbstzahlung”. Auch für diese Behandlung wurden wieder neu Papierstapel angelegt, es wurde aber auch fleissig in einen Computer getippt. Ausgabe dann aber immer wieder zurück auf Papier.
Akt 4 - Beschaffung in einem Sanitätshaus
Im Lauf der weiteren Behandlung nun ein Beschaffungsbesuch in einem Sanitätshaus. Ein Rezept beinhaltete die benötigten Dinge. In einem ersten Bearbeitungsschritt (ca. 10 Minuten) wurde unter Hinzuziehung von drei Kolleginnen festgestellt, dass die Mengenangaben auf dem Rezeot nicht stimmen würden und die Menge aus Gründen reduziert. Schritt 2 war dann 15 Minuten heranholen der benötigten Dinge inkl. ca. 3 Minuten Einweisung in die Anwendung. Schritt 3 die Information über die Dinge die im Starterpack nicht enthalten seien und selbst gekauft werden müssen oder ein sep. Rezept des Arztes erfordern würden (+5 Minuten). Weitere 10 Minuten waren erforderlich für die Kundenneuanlage in einem System zu erledigen, Austausch mit einem Kollegen, wie mit der passenden Krankenkasse (aus den TOP 3 bezogen auf Mitgliederzahlen) umzugehen sei. Nach füng weiteren Minuten für den Selbstzahler-Anteil konnte ich das Sanitätshaus verlassen.
Mein Fazit
Im genannten Ablauf habe ich erlebt, wie das deutsche Gesundheitswesen bezogen auf Digitalisierung fast durchgängig in den frühen 1990er Jahren stecken geblieben ist. Die Endgeräte sind vorhanden, werden aber wie “früher” nur im Stand-Alone Modus genutzt. Vernetzung ist auf dem Niveau “FAX” stecken geblieben.
Die Menschen mit denen ich es zu tun hatte, nutzen mit Sicherheit außerhalb ihres Berufslebens wie selbstverständlich moderne, vernetzte Kommunikations- und Organisatiosmittel. Sie werden aber aus (welchen ?) Gründen in ihrem Arbeitsleben täglich in die Vergangenheit zurückgebracht. Sie haben sich mit dem Unsinn arrangiert, wohlwissend wie ineffizient und rückständig ihr Handeln oft ist. Sie ahnen vermutlich, wieviel mehr Zeit sie mit Patienten und Kunden verbringen könnten, wenn der alte Kram endlich modernisiert wäre und Papier-Schnittstellen funktionieren würde. Ich glaubte dies ihnen Ansehen zu können oder hörte es auch. Wir müssen mehr als 35 Jahre schnell aufholen! Wir können das und wissen auch wie es funktioniert, müssen es nur machen.